Wie viel Trauer verträgt mein Kind?

Es gibt Themen, mit denen möchte man sich eigentlich nicht auseinander setzen. Und dennoch lässt das Leben einem manchmal keine Wahl. Und dann muss man Entscheidungen treffen.

Vor wenigen Wochen ereilte uns die Nachricht, dass die Oma meines Mannes schwer krank ist. Sie steht kurz vor ihrem 90. Geburtstag und ist seine heiß geliebte indische Ammachi. So oft schon hat er von ihr erzählt, so voller Liebe. Und er wünscht sich nichts sehnlicher, als dass sie mich und vor Allem seine kleine Tochter, ihre Urenkelin, einmal persönlich kennen lernt.

Diese Nachricht erschütterte ihn also zutiefst. Niemand weiß, wie lang sie noch durchhält, große Operationen oder Therapien werden nicht in Betracht gezogen, man möchte, dass „Ammachi“ ihren Lebensabend möglichst nicht im Krankenhaus verbringt.

Es war das erste mal, dass Helena ihren Papa bitterlich weinen sah. Und sie verstand die Welt nicht mehr. Ihr Blick sprach Bände, sie suchte Hilfe, Nähe und Rückhalt.

„Papa weint“
Ja, Liebes, Papa weint.

Erst kurz zuvor stellte ich fest, dass mein Töchterchen auch auf weinende im TV reagierte. Es gab Zeiten, da war ihr das egal. Später hat sie gelacht, wenn andere weinten. Und nun fing sie plötzlich an, mitzuweinen.

Also nahm ich sie hoch, als sie ihren Papa so hilflos weinen sah und erklärte ihr, dass er traurig ist. Dass auch der Papa manchmal weint, sie ihn gern streicheln und kuscheln darf. Aber dasses nicht schlimm ist, wenn er weint. Ich erinnerte sie, dass sie ja auch manchmal weinen muss, wenn sie traurig ist.

Sie nickte, aber ich nehme an, dass sie natürlich nicht alles davon verstanden hat, mit ihren zwei Jahren.

Dennoch war direkt klar, dass mein Mann sich nicht verstellen soll, lachen, obwohl er weinen möchte oder gar seine Trauer verstecken.

Auch Eltern weinen, Punkt.

Es dauerte aber nicht lang, da gerieten wir in eine Trauersituation, aus der ich sie bewusst, und mit Rücksprache mit meinen Mann, herausnahm.

Wir halten über Skype Kontakt mir Indien. Wundervoll, dass es diese Möglichkeit gibt.

Zwei Tage nach der Diagnose verabredeten wir uns mit Zians Tante (die mit ihrer Mutter lebt) zum skypen. Der Hauptgrund war, dass die Uroma ihre Enkeltochter noch einmal zu Gesicht bekam. Eine Spontanentscheidung, denn niemand wusste, wie lang es ihr noch gut genug ginge.

Das Gespräch startete, und es flossen sofort viele Tränen.

Helena reagierte direkt, klammerte sich an mich und weinte leise. Es war einfach zu viel für sie. Ihre Oma, ihr Papa, Papas Tante da im Laptop, alle weinten. Das musste ich abbrechen.

Ich verstehe, dass dieses Gespräch wichtig für alle Seiten war, aber Helena verstand das alles nicht und die gemeinsame Trauer hatte nicht den Mehrwert, den sie für die Erwachsenen hatte.

Also drückte ich sie an mich und lenkte sie ab, befreite sie aus der Situation und ihrer Hilflosigkeit.

Glücklicherweise beruhigten sich alle schnell, so dass der ursprüngliche Gedanke dieses Videotelefonats umgesetzt werden konnte: Ammachi strahlte vor Freude ihre Urenkelin zu sehen in die Kamera, und Helena winkte und lachte fröhlich zurück. Das war befreiend für alle Beteiligten.

Unser Fazit dieser traurigen Erfahrung:

Authentisch zu sein ist uns wichtig. Helena darf lernen, dass auch wir trauern, weinen und leiden.

Aber sie ist grade erst zwei geworden und ich finde es unnötig, sie zu sehr mitleiden zu lassen, wenn sie doch den Grund der Trauer noch nicht versteht. Es geht ja hier nicht um Schmerzen im körperlichen Sinne, die sie vielleicht nachfühlen könnte. Also schütze ich sie vor einer allzu großen Portion unserer Gefühle.

Wie handhabst du das?

Schützt du dein Kind und möchtest du seine Welt unbeschwert lassen oder legst du Wert auf totale Authentizität?

deine Lila

Nachtrag: Grade gestern habe ich erfahren, dass einer meiner Onkel im Sterben liegt. Er hat große Teile meiner Kindheit mitgeprägt, heute haben wir kaum bis keinen Kontakt. Und wieder sah Helena Tränen. Und wieder suchte sie Nähe, war verunsichert. Diese Nähe half uns beiden, glaube ich. Natürlich habe ich ihr erneut erklärt, dass auch Mama manchmal weint und das in Ordnung ist.

Aber nun ist auch genug. Ich wär froh, wenn es dann vorerst keinen Grund mehr für Tränen gebe 🙁

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