Starke Wurzeln, zarte Knospen

Wenn ich meine Tochter so anschaue, dann sehe ich:
Dunkelblonde (oder hellbraune?) Haare, leicht gelockt, dicht und rötlich glänzend. Ihre Haut ist weit entfernt von meinem blassen Erscheinungsbild, wirkt eher leicht gebräunt, ein wunderschöner, dezent karamelliger Unterton. Ihre Augen sind auf den ersten Blick braun, aber ihre Iris ist durchzogen von feinen, grünlichen Streifen. Noch nie waren sie babyblau, als Säugling wirkten sie eher schwarz, glänzend, so wie diese dunklen Murmeln, deren Farbe so schwer zu definieren ist. Ihr Gesicht ziert außerdem eine kleine Nase, darunter ein Mund mit dicken Schmolllippen, ’schmolliger‘ als der Durchschnitt, würde ich sagen.

Auf den ersten Blick sieht sie also höchstens dezent orientalisch aus. Man würde nicht erkennen können, wo ihre Wurzeln liegen.

Auch ihr Name könnte entweder von unserem außergewöhnlichen Geschmack zeugen oder aber, was der Realität entspricht, ein weiteres Verbindungsglied zu ihrer Herkunft sein. 

Helena Anjuli‚. Helena, die Schöne, Anjuli, Gottesgeschenk.
Ein bisschen Mama, ein bisschen Papa,
ganz viel DU!
(Foto: Zeit für Bilder by Rahel Schul)
Mein Mann ist Halbinder, ich bin so urdeutsch wie man nur sein kann.

Seine Mutter
kam als junge Frau nach Deutschland, hatte hier einen Job angeboten bekommen und fand ihr Liebesglück in einem großgewachsenen, rothaarigen, deutschen Mann. Sie gründeten eine Familie, bekamen drei Söhne, einer von ihnen ist heute mein Ehemann, Vater meiner Tochter.
Aufgewachsen ist meine Schwiegermutter in der Region ‚Kerala‚ (übersetzt: Land der Kokospalmen), sie spricht Englisch, Malayalam (die regionale Amtssprache), Hindi und nun auch Deutsch. Sie hat in Indien studiert und gearbeitet.
Ihre Mutter und eine ihrer Schwestern leben bis heute dort, ihr Vater ist früh verstorben, der Rest der Familie ist verstreut auf alle Kontinente der Welt.
Mein Mann legt großen Wert auf den Kontakt zu seiner Familie, reiste schon häufig nach Indien und ich spüre bei jedem Videotelefonat mit seiner Großmutter, wie groß seine Sehnsucht ist.
Leider sind er und seine Brüder nicht bilingual aufgewachsen, es läge mir sonst sehr am Herzen das an unsre Tochter weiter zu geben. Doch auch ansonsten wünsche ich mir, dass sie immer den Kontakt zu ihren Wurzeln hält.
Deutschland – Indien
Wurzeln um den halben Erdball müssen tief greifen.
Bildquelle: Google Maps
Für mein Gefühl sind Wurzeln etwas sehr Wichtiges. Sie stützen, sind die Grundstein eines jeden Menschenlebens. Ohne unsere Ahnen gäbe es uns nicht, ein Baum wächst nicht ohne Wurzeln, Wurzeln nähren und geben Halt
Der Blick zurück hat für mich seinen ganz eigenen Reiz. Ist es nicht spannend zu wissen, wo die Familie herkommt? Was sie schon erlebt hat, wie der Nachname zu Stande kam und welche Berufe, Berufungen und Talente vielleicht in der Vergangenheit schlummern?
Das
Bewusstsein der Verbundenheit
mit
früheren Generationen kann 
wie
eine Rettungsleine durch 
die
schwierige Gegenwart sein.
Jon
Dos Passos


Und so sehe ich es als meine Aufgabe mein Kind nicht über ihre Wurzeln im Unklaren zu lassen. Sie soll sich ihrer Familie bewusst sein, ich möchte, dass sie Indien als Teil von sich wahr nimmt und hoffentlich das Land bald auch kennen lernt (und ich wünsche mir das für mich selbst auch sehr). Falls sie irgendwann selbstständig beschließt, dass das für sie keine wichtige Rolle spielt, dann muss und werde ich das akzeptieren. Aber solang ich es kann, möchte ich ihr helfen, ihre Wege zu gehen, ihre kleinen Knospen und Zweige nach oben zu recken, aber ihre Wurzeln fest im Boden verankert zu fühlen, sowohl in Deutschland als auch in Indien. 
Das würde ihren Vater und mich sehr glücklich machen. Und ihre ‚kleine Oma‚ sicher auch!
Meine Schwester hat übrigens zwei Kinder mit einem Marokkaner, mein Bruder führt eine Beziehung mit einer Thailänderin. 
Wir machen Deutschland etwas bunter, und das ist gut so!
Wie wichtig ist Dir deine Herkunft? Kennst du deine Wurzeln und legst Du Wert auf sie? Oder zählt bloß das jetzt und die Zukunft?

Auf bald,
                                                                                                                                                     deine Lila

One thought on “Starke Wurzeln, zarte Knospen

  1. Liebe ErdbeerLila,
    durch Tollabea bin ich auf Deinen interessanten Text in Deinem Block aufmerksam geworden.
    Ja, Wurzeln sind wichtig!
    Bei uns ist der Fall ein ähnlicher: Statt Indien jedoch Japan und statt der jungen Frau, die nach Detschland kam, ein junger Mann.
    Der Vater meiner Kinder ist auch nur mit Deutsch aufgewachsen, wir halten jedoch über den Opa Kontakt mit Japan und wollen auch irgendwann gemeinsam dorthin fliegen.
    Statt der (leider nicht möglichen) Bilingualität versuchen wir die japanische Kultur ein wenig mit einzubeziehen. Das Interesse der Kinder ist da, sie verstehen sich selbst als Mensch mit Wurzeln in beiden Ländern und haben keinerlei Berührungsängste vor Menschen, die "anders" sind (egal ob durch Herkunft, Behinderung, Glauben oder Aussehen).
    Viel Freude und Erfolg Dir und Deiner Familie auf eurem Weg und dass ihr auch bald die Möglichkeit habt, die Heimat Deines Mannes kennenzulernen!
    Klarawetter

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