rückblick: 20 sekunden horror in worte gefasst

5 tage ist es nun her, der moment in dem ich dachte, ich hätte mein baby umgebracht.
und das sitzt tief. tiefer als kaum ein erlebnis zuvor.

aber von vorne:
endlich ist es so weit, ich habe eine positive rückmeldung vom mütter- und familienzentrum in unsrer nähe, ich habe mit helena einen platz in einer nachmittags-krabbelgruppe! und ich freue mich wie wahnsinnig,
unter leute zu kommen, andere mütter mit babys, endlich erfahrungen austauschen zu können und verständnis von jenen zu erfahren, die die gleichen dinge erleben wie ich im letzten jahr.


natürlich hat das krümelbaby sich grade jetzt angewöhnt, mittagsschlaf zu halten. die nuss. 😉 also muss ich sie wecken, damit wir rechtzeitig ankommen. die schwiegereltern haben uns einen wagen geliehen, damit ich mobil bin trotz des spätdienstes meines mannes. ich hab also den kleinen blauen fox und packe kind und mich pünktlich ins auto. es regnet, seit tagen endlich mal wieder.
ich muss durch ein paar kleine örtchen fahren, die einen wären genervt, ich fahr aber unglaublich gern auto, musik an und lauthals mitsingen, die kleine blubbert im reboarder vor sich hin, ist zum glück gut gelaunt.
mit den gedanken bin ich schon in der gruppe, freue mich sehr und bin gleichzeitig nervös, ich habe etwas angst vor fremden menschen und davor, für komisch gehalten zu werden. aber ich bin entschlossen, meine angst zu überwinden.

und da ist er, der moment

ich fahre durch eine kurve, und es regnet wie gesagt. also sagt mir mein gesunder menschenvertsand im nachhinein, dass ich stark abgebremst haben MUSS. aus der kurve raus will ich wohl beschleunigen. ich erinner mich kaum noch. plötzlich fängt das lenkrad in meinen händen an zu vibrieren, die reifen schlingern wie verrück, ich denke, ich hab verucht schlagartig zu bremsen um den wagen zu stoppen. aber das geschlinger schaukelt sich auf, ich bewege mich in richtung gegenfahrbahn, da kommt kein auto aber eine verkehrsinsel. die verfehle ich, aus dem geschlinger ist inzwischen eine karusellfahrt geworden, das auto dreht sich mehrfach wie ein kreisel, kommt auf den grünstreifen und den fahrradweg, rutscht auch darüber hinweg, verfehlt bäume und dekorative metallgestänge, an denen rosen hochwachsen und kommt an einem abhang zum stehen. aber nur wenige sekunden, der abhang gehört zu einem gleisbett, da laufen schienen entlang. das auto kippt vornüber und landet auf der schnauze, die böschung runter. 
während der ganzen schleudereien haben weder ich noch mein baby einen ton von sich gegeben, in meinem kopf brüllt es nur durchweg: ‚bitte, lass mein baby überleben!!! bitte, ich möchte nicht, dass sie stirbt!!!! das kann doch nicht wirklich passieren grade!!

es herrscht auch jetzt noch stille im auto. ich drehe mich nach hinten, helena sitzt sich im sitz, schaut verwirrt aber nicht geängstigt. plötzlich werde ich mir der bahngleise bewusst, die nur knapp an uns vorbei führen. 
unser auto ist ein dreitürer, ich muss aussteigen, den sitz umklappen und nach hinten klettern, um leni abzuschnallen. schon das aussteigen getaltet sich schwierig, wir stehen schließlich fast senkrecht und ich habe gleichzeitig wahnsinnig viel angst davor, dass das auto endgültig umfällt und dass ein zug kommt und das auto mitreißt. 
oben an der böschung erscheint ein mann und fragt, ob es mir gut geht.
und da ist es vorbei. ich fange an zu kreischen, werde hysterisch und bin total in einem mentalen tunnel. ich höre mich jetzt noch brüllen: ‚mein baby ist in dem auto! helfen sie mir! bitte, jemand muss mein baby retten!!
der zug, ich hab immer nur den zug im kopf. dass der mann mich versucht zu beruhigen, dass er mir erzählt, dass hier nur selten züge fahren tue ich als geschwätz ab, der will doch nur, dass ich aufhöre zu schreien, denke ich. er kommt die böschung runter, ich kletter irgendwie auf die rückbank (ich schwöre, im normalen leben hätte ich das nie geschafft) und helena weint wie verrückt. ICH mache ihr angst mit meiner panik, dessen bin ich mir bewusst und versuche leise auf sie einzureden. raus aus dem sitz mit ihr und dem fremden draußen in die arme gedrückt. geistesgegenwärtig warne ich ihn immerhin, dass sie nun noch mehr weinen wird, weil sie so fremdelt. 
endlich oben drücke ich sie an mich und ergebe mich völlig meinem schock. während mein kind schon wieder die vorbeifahrenden LKWs und autos anlacht, halte ich sie fest, zittere, kann kaum atmen, und sage immer nur wieder: ‚ich war nicht zu schnell…ich war nicht zu schnell
mehrere leute aus den umliegenden häusern versammeln sich, vorbeifahrende glotzen, man bringt mir einen stuhl, auf den ich mich dankend setze. regenschirm und trinkwasser lehne ich ab. ich  rufe meinen mann an und warne ihn, er soll BITTE langsam von der arbeit weg fahren. ich merke, dass er gar nicht versteht, was passiert ist, er sagt nur: ‚ich muss fragen, ob ich weg darf.‚ ich schreie ihn an, dass er kommen muss!!! sein kind und ich hatten einen echten unfall!! kurz drauf ruft er zurück, offentsichtlich wurde ihm jetzt erst bewusst was ich gesagt habe, er weint. ich warne ihn nochmal, er solle bitte, bitte vorsichtig fahren. meine schwester rufe ich an, weil sie mit der kleinen am besten zurecht kommt. meinen vater, weil er jemanden kennt, der das auto abschleppen kann. meine mutter erst ein paar minuten später. ich will sie nicht erschrecken, alles ist gut, ich will nicht, dass sie sich sorgen macht. meine arme mameli….
die polizei wurde gerufen und während man mir erzählt, dass es hier öfter unfälle gibt, auch von zu-schnell-fahrern (‚was heißt denn hier auch?!?‚) warten wir im regen. papa und schwesterherz sind da, versuchen mich zu trösten.
der erste spruch des endlich anwesenden polizistern: ‚na, das nenn ich mal eingeparkt!‚ das ist okay, ich mag diesen etwas rüden humor, ich lache drüber und sag noch ‚da behaupte nochmal jemand, frauen könnten nicht einparken!‚. 
der zweite polizist rutscht beim aussteigen fast aus. ja, die fahrbahn ist glatt!!
man fragt mich, was passiert ist. ich kann immer nur sagen: ‚ich war nicht zu schnell, ich hatte schließlich mein kind dabei, ich verspreche, ich war nicht zu schnell‚ (im polizeipressebericht wird später stehen „unangepasste geschwindigkeit„, das akzeptiere ich, hätte ich gewusst, dass es so glatt ist, wäre ich noch langsamer gefahren). er beruhigt mich und ruft einen rtw, der erste, der auf die idee kommt. am ende entlasse ich mich aus selbigem selbst, mit unterschrift etc. 
aber sowohl sani als auch polizei bestätigen mir, dass der neue reboarder das kind vor allem schaden bewahrt hat. jeden euro wert! oh wie dankbar bin ich, dass mein mann und ich da die richtigen prioritäten gesetzt haben!
zum schluss eröffnet mir der polizist, dass das abkommen von der fahrbahn eine ordnungswidrigkeit darstelle. es täte ihm unfassbar leid, er wisse ich hab andere sorgen nun, aber das müsse jetzt leider sein. na gut, na gut. wird gezahlt, 35€.

okay, polizei erledigt, sani erledigt, mein mann ist nun auch da. helena noch immer fröhlich, wenn auch etwas verwirrt. und ich habe mich nun auch beruigt, solang man mich nicht auf den unfallhergang anspricht.

im laufe der letzten tage erschienen drei zeitungsartikel über den unfall. auch mit bild vom wagen auf der titelseite der wochenpost. in zweien von dreien steht, ich sei zu schnell gefahren. eine frechheit. und befeuert nur meine schuldgefühle. ich hätte fast mein baby auf dem gewissen gehabt. ich habe das erste auto meines mannes kaputt gefahren (inzwischen wissen wir, dass der schaden relativ groß ist). ich habe damit all unsere ersparnisse zu nichte gemacht.
und bis heute weiß ich immer noch nicht genau, ob ich die situation nicht einfach noch schlimmer gemacht habe, weil ich während des unfallhergangs falsch reagiert habe. vielleicht hätte ich das verhindern können. aber es hilft nichts. es ist passiert.
die beine voller blauer flecke und kratzer, rücken, nacken, handgelenke, alles tut tage danach erst weh. zu  einem großteil des tages schaffe ich es, das alles zu verdrängen. denn über all dem steht: mein baby ist gesund!!!!

jetzt brauche ich nur noch einen zeitpunkt, an dem ich mich um mich selbst kümmern kann. all das verarbeiten und einfach mal richtig schlafen. mein mann arbeitet zur zeit sehr viel und ich muss den tagesablauf trotz allem allein schaffen.
und weil ich nicht wusste, wohin mit all dem, hab ichs dir nun aufgeschrieben. wenn dus gelesen hast: danke. pass auf dich auf!!

                                                                                                                                                                                                                            deine lila

4 thoughts on “rückblick: 20 sekunden horror in worte gefasst

  1. Ach mist mein Kommentar konnte nicht abgesendet werden.

    Also noch einmal schreiben..

    Ich denke du hast alles richtig gemacht, denn euch ist nichts schlimmeres passiert. Gerade der kleinen geht es gut und das beweist, alles richtig gemacht! Ich hoffe du kannst das ganze schnell verarbeiten.

    Benutzt ihr den Reboarder weiter? Habe mich schon öfters gefragt ob man einen Kindersitz nach einem Unfall weiter nutzen kann/soll bzw. ob man seine "Funktion" irgendwo testen lassen kann.

    LG

    Mutterstiefchen

    1. hey 🙂
      danke, wir arbeiten daran, dass ich wieder angstfrei fahren kann.
      prinzipiell tauscht man kindersitze (so wie helme) nach einem unfall aus und besafe bietet sogar den service, dass man eine 10-jahres-garantie hat. in dieser zeit wird der reboarder im falle eines unfalls gratis ersetzt. da das aber kein richtiger aufprall war haben wir uns dagegen entschieden und nutzen ihn weiter.
      liebe grüße,
      lila

  2. Ui, ganz schön dramatisch und das meine ich keineswegs abwertend oder belustigend, sondern es ist mein voller Ernst. Ich habe beim Lesen voll mitgefühlt und bin zugleich sehr dankbar, dass ich so etwas noch nicht erleben musste und dass es dir und deinem Baby körperlich gut geht. Ich wünsche dir, dass du den Schrecken bald verarbeiten kannst! Selbstvorwürfe werden dich nicht weiterbringen, aber sie lassen sich natürlich auch nicht einfach abschalten. Frage dich, was du aus dem Unfall gelernt hast und sage dir laut, was du vor dem Unfall nicht wissen konntest – nämlich, dass die normale Geschwindigkeit immer noch zu schnell ist an dieser Stelle – oder wie man sich in so einem Falle eigentlich zu verhalten hat! Oder hattest du vorher mal ein Fahrsicherheitstraining gemacht?!

    Lieben Gruß
    Jessi

  3. Du hast das gut gemacht. Andere hätten die Situation überhaupt nicht gecheckt. Andere wären nicht direkt zu ihrem Baby gehechtet. Andere kaufen keinen Reboarder, weil sie meinen, ihr Kind möge nicht rückwärts fahren oder sie wollen ihr Kind sehen. Andere hätten nicht geistesgegenwärtig die Bahnschienen bemerkt. Andere hätten nicht ihre Lieben angerufen, um Auto und Baby versorgt zu wissen.
    Du hast richtig gehandelt – ihr beide lebt. Euch geht es okay. Das Auto ist nur Blech. Vielleicht erinnerungsbehaftetes Blech – aber die Erinnerungen gibt es immer noch, dafür braucht es das Auto nicht. Ihr beide, Leni und du – ihr seid okay. Und darauf hast du geachtet und damit alles richtig gemacht.
    Ich hoffe, dir geht's bald besser.
    Alles Liebe,
    tofu

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