Geschwister – Fluch oder Segen?

Es ist keine Geheimnis, dass mein Mann und ich uns ein Geschwisterchen für unser Krümelmädchen wünschen. Schon um ihren ersten Geburtstag herum haben wir den Beschluss endgültig gefasst und sind sehr glücklich damit.

Nun ist es auch kein Geheimnis, dass das Kinder kriegen nicht so einfach für mich ist, wie es klingt. Das zeigt sich ja allein schon darin, dass sich immer noch kein Nachwuchs eingestellt hat. Das macht uns traurig, wir sitzen ein bisschen auf heißen Kohlen, jeder der sich wünscht, schwanger zu werden kennt das.

Nun habe ich kürzlich einen Artikel gelesen, Sind Geschwister wirklich immer ein Geschenk?, geschrieben von der Frühlingskindermama. Sie wirft einen Blick auf ihre eigene Geschwisterbeziehung und die zwischen ihren Kindern. Und ihr Fazit ist nicht so positiv, wie man es sich vielleicht wünschen würde. Kein Friede, Freude, Eierkuchen, kein reiner Geschwisterplüsch. Das hat mich erst etwas irritiert, das las sich merkwürdig für mich. Der Gedanke, Geschwister zu haben könnte auch Schattenseiten haben, kam mir bis jetzt noch nie und beschäftigt mich nachhaltig. Denn natürlich: Man sucht sich Geschwister nicht aus, man muss einfach mit ihnen leben.

Ganz im Gegenteil, man hört so oft Geschichten über verzogene, verwöhnte, egozentrische Einzelkinder. Dass das reine Vorurteile sind, haben allerdings schon diverse Studien belegt, schon 1984 schilderte die Soziologin Toni Falbo in ihrem Buch ‚The single-child family‚, dass es kaum nennenswerte Unterschiede zwischen Einzel- und Geschwisterkindern gäbe.

Ich bin selbst mit zwei jüngeren Geschwistern groß geworden, beide altersmäßig sehr nah beieinander und ich schon einige Jahre älter. Und im Gegensatz zur Frühlingskindermama ist mein Fazit positiver: Ich kann mich an Kindheitsjahre voller Spiele, Lachen und gemeinsam erdachter Spinnereien erinnern. Es gibt im Nachhinein nichts, dass mich an dem guten Verhältnis zu meinen Geschwistern zweifeln ließe. Natürlich gab es die normalen Reibereien, bei drei Kindern verbrüdern sich gerne mal zwei gegen einen, und nicht selten streitet man über Kleinigkeiten. Gleichzeitig war ich aber auch nie allein, hatte immer Spielkameraden verfügbar und empfand das nicht als störend. Richtig ernsthaft habe ich mir nie gewünscht, ich hätte keine Geschwister.

Selbstverständlich entwickelt sich das später etwas anders. Als meine Eltern sich trennten war ich fast erwachsen, „die zwei Kleinen“ waren aber noch deutlich jünger. Schon diese unterschiedliche Art aufzuwachsen merkt man uns heute an. Außerdem haben sich unsere Lebenswege und Lebensansichten sehr unterschiedlich entwickelt bis jetzt. Um ehrlich zu sein sind sie vielleicht nicht unbedingt meine besten Freunde, aber wenn ich in mich rein höre und versuche unsere Beziehung zueinander zu beurteilen, dann erkenne ich Folgendes: Es gab und gibt für mich keinerlei Zweifel, dass ich ihnen vertrauen kann, wenn ich mit ihnen über meine Gefühle und Wünsche spreche. Sie sind häufig nicht bei mir und dennoch ganz selbstverständlich Teil meines Lebens, meiner Gedanken. Ich liebe sie, wie ich meine Eltern liebe, die ich mir ja auch nicht ausgesucht habe. Es IST einfach so. Nie würde ich es mir anders vorstellen können. Sie wissen bei Weitem nicht alles von mir, aber wenn ich etwas erzähle kann ich grundehrlich sein. Diese zwei Menschen sind wohl (fast) die einzigen, vor denen ich mich nie im Leben schämen würde, denn sie kennen mich einfach schon so lang. Als Kind kommt man nicht auf die Idee, sich im Alltag zu verstellen, und das ist einfach so geblieben. Wieso sollte ich ihnen etwas vorgaukeln, was ich nicht bin? Zu all den Unterschieden gesellen sich nämlich auch einige Gemeinsamkeiten, vom Fluchen im Auto bis zur Art, mit Kindern umzugehen.

Jetzt zurück zum Ausgangsgedanken: Wir wünschen uns also noch (mindestens?) ein Kind. Wir fühlen uns nicht komplett, da ist noch Platz bei uns, unsere Familie ist noch nicht zu Ende gewachsen. Schwer zu beschreiben, aber wie beschreibt man ein Gefühl der Unvollständigkeit? Keine Ahnung.

ABER: Was würde Helena dazu sagen, wenn ich sie fragen könnte? Jetzt bekommt sie all meine Aufmerksamkeit, wird völlig nach ihren Bedürfnissen gefordert, gefördert und umsorgt, ich kann mich ganz nach ihr richten. Das wäre im Fall eines weiteren Kindes so sicher nicht mehr zu gewährleisten. Sie ist im Moment wundervoll in der Lage, sich mit sich selbst zu beschäftigen, sitzt stundenlang allein, aber zufrieden, im Sandkasten oder schiebt ihren Puppenwagen durch die Wohnung. Mama ist da, wenn sie nach Mama ruft, uneingeschränkt und ohne Verzögerung. Ein Geschwisterchen sucht man sich zudem nicht aus, man wird sozusagen ‚gezwungen‘ mit diesem anderen Menschen zusammen aufzuwachsen, den man sich vielleicht im normalen Leben nie als Spielkameraden ausgesucht hätte und nun doch jahrelang in unmittelbarer Nähe hat. Klingt ungerecht, oder?

Vielleicht würde sie sich aber auch ein kleines Brüderchen oder Schwesterchen wünschen, das sie umsorgen kann? Ein kleines bisschen Verantwortung, vielleicht Stolz, große Schwester zu sein? Jemand, der sie zu neuen Spielen und Ideen inspiriert, mit dem sie das Streiten und lieb haben außerhalb des Elternverhältnisses üben kann?

So viel Grübelei, zu der man aber leider Zeit hat, wenn man von der Natur so hingehalten wird.

Dann kommen Tage wie heute. Erst sitzt Helena lange Zeit allein im Sand, schaufelt vor sich hin und spielt mit dem Eimerchen. Ganz zufrieden und in ihrer eigenen Welt. Später kommen ihre Cousinen dazu, beide älter, und alle drei spielen gemeinsam. Meist friedfertig, nur mit ein paar kleinen Uneinigkeiten. Und abends stecken wir die Kinder zusammen in die Badewanne. Helena, die das aktuell nicht so gern mag lässt sich aber schnell durch die beiden anderen dazu motivieren in die Wanne zu steigen und am Ende sitzen sie zu dritt im spotzdreckigen Wasser, wackeln mit den Zehen und kichern vor sich hin, als gäbe es grade nichts Schöneres auf der Welt für sie.

Und da weiß ich: JA, die Entscheidung ist richtig. Wir haben noch Platz in unserem Herzen, wir ALLE DREI.

Wie denkst du über das Thema Geschwister? Erzähl mal!

deine Lila

Dieser Beitrag ist Teil von Kathis BlogparadeGedanken zum zweiten Kind– auf Geliebtes Kind Motzibacke. Danke <3

8 thoughts on “Geschwister – Fluch oder Segen?

  1. Liebe Mara,
    Um dich zu ermutigen:

    Sollte sich kein Geschwisterchen einfinden, wird dein Mädchen gewiss dennoch eine schöne Kindheit haben.
    Und wenn sich noch jemand dazu gesellt: Es wird sich fügen.

    Ich kenne einige erwachsene Einzelkinder, die sich immer Geschwister gewünscht hätten. Und auch heute noch so manche Entscheidung hinsichtlich der pflegebedürftigen Eltern o.ä. mit jemandem austauschen würden.
    Dennoch mochten sie im Großen und ganzen ihre Kindheit als Einzelkind.

    Ich kenne ein Beispiel, wo sich die Geschwister, 2 Mädchen, bis ins erwachsenen Alter überhaupt nicht verstehen.
    Ich kenne 2 Beispiele, wo sich jeweils Brüderpaare mögen, aber nicht viel zu sagen haben.

    Ansonsten kenne ich (und bei mir ist es auch so, ich habe 2 Geschwister. Eine 3 Jahre jüngere Schwester und einen 10 Jahre jüngeren Bruder),
    dass sich Geschwister lieben. Manchmal haben sie sich mehr zu sagen, manchmal weniger. Aber man versteht sich und vertraut sich. Und das ist sehr schön.

    Meine drei Kinder sind ganz dicht vom Altersabstand. Es liegen jeweils 1,5 Jahre zwischen ihnen. Obwohl ich manchmal denke, gerade weil sie so dicht beieinander sind und auch noch so klein (der älteste ist 5Jahre), dass ich ihnen nicht gerecht werde, wünscht sich der große 5Jährige noch ein GEschwisterchen. Die beiden Mädels haben da keine klare Meinung. Die sind noch zu klein, denke ich, um das überblicken zu können.

    Aber dieses dreier Gespann ist so innig miteinander. Das ist schön zu sehen. Ich denke in den meisten Fällen mögen sich Geschwister gern.
    Und ich als Mutter platze vor Liebe. Die wächst tatsächlich. Die muss man nicht aufteilen.

    Also, lass es geschehen. Wie auch immer es kommt. 🙂

    1. Danke fürs Mut machen <3
      Ich denke auch, ich sollte es nicht 'zerdenken', ich werde es so oder so nicht groß beeinflussen können. Jeder Weg hat gute und schlechte Möglichkeiten, und da wir als Eltern uns dieses Kind so sehr wünschen, werden wir genau das tun, was du schreibst: Wir lassen es geschehen 🙂

      Liebe Grüße!

  2. Liebe Mara,
    ein wunderbarer und sehr interessanter Artikel! Ich freue mich riesig, das du damit an meiner Blogparade teilnimmst! <3
    Fluch oder Segen? – Diese Frage ist tatsächlich nicht von der Hand zu weisen. Und auch wir haben uns unsere Gedanken darübergemacht. Schmatzipuffer ist ja recht sensibel, kann er Mama und Papa mit einem Geschwisterchen teilen? Aber dann ist uns eingefallen wie toll er mit seiner Babyfreundin, die er von Geburt an, mindestens einmal die Woche sieht umgeht und wieviel Spaß die beiden zusammen haben. Und vor allem fiel mir ein, dass Schmatzipuffer überhaupt kein Problem damit hat, dass ich diese Babyfreundin trage, mit ihr schmuse oder spiele. Ich glaube wirklich Eltern haben genug Liebe für mehrere Kinder und Geschwisterliebe ist ja auch etwas ganz Besonderes, das möchte ich meinem Schmatzipuffer nicht vorenthalten. 😉 In diesem Sinne, drücke ich uns beiden die Daumen, GANZ FESTE! Fühl dich ordentlich gedrückt.
    Liebe Grüße,
    Kathi

    1. Hallo Kathi,
      ja, so sehe ich das auch, Geschwister sind etwas Besonderes. Und sagt man nicht, dass man die Liebe nicht teilt sondern sie wächst? Das glaube ich auch, obwohl ich mir nicht vorstellen kann einen anderen Menschen NOCHMAL so sehr zu lieben wie Helena 😉

      Wir schaffen das schon. Der Weg ist länger, aber ich bin zuversichtlich! UND: Er lohnt sich, immerhin das wissen wir ja schon ^^

      Liebe Grüße und eine Umarmung zurück, Mara

  3. Da ich Einzelkind bin, hatte ich mir insgeheim immer irgendwie Sorgen gemacht, wie denn das so werden würde mit einem Zweiten. Und vor allem wie das NotYet aufnehmen würde. Mir wurden schon Horrorszenarios vorgesponnen, weil ich ihn ja noch stillte: „Er wird das Kind hassen!“ „Der teilt niemals die Brust.“ „Das wird ganz schlimme Eifersucht geben – ein absoluter Fehler!“ usw…. Und was war dann? Nichts dergleichen! (Kannst du hier nochmal nachlesen 😉 : https://motherbirthblog.wordpress.com/2016/03/14/stillen-in-der-schwangerschaft/ )

    Und nun: Beide Kinder wollen unbedingt noch mehr Geschwisterkinder! NotYet verkündete schon sehr schnell nach BusyBees Geburt, dass er noch mindestens einen Bruder UND eine Schwester haben wollte! Und BusyBee? Sie ist völlig verrückt auf Babys. Redet den ganzen Tag davon und schaut sich bis ins letzte Detail alle erdenklichen Bücher über Babys an! Soooo süß <3 <3 <3

    Liebe Grüße
    Mother Birth

    1. Hallo,
      schön, dass du aus dieser Sicht berichten kannst, ich kenne nämlich nur Einzelkinder, die EBENFALLS nur Einzelkinder haben wollen.
      Helena ist einfach noch zu klein, um gefragt zu werden. Und selbst wenn, bezweifle ich, dass sie die ganze Tragweise eines Geschwisterchens erahnen könnte. Das ist natürlich anders, wenn man schon zwei hat.
      Am Ende wird es bei uns das Schicksal entscheiden. Aber ich würd mich schon sehr freuen, wenn der freie Platz in unsrem Herzen besetzt werden würde…

      <3
      Mara

  4. Danke für den schönen Text und die Verlinkung! Toll, dass ich zum Nachdenken anregen konnte, auch wenn Dein Fazit anders ausfällt. Ich wünsche euch von Herzen, dass sich euer Wunsch erfüllt und alles superflauschig wird!
    Liebe Grüße!

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