Die Fremde im Spiegel

Jeden Morgen schaue ich in den Spiegel.
Bevor ich das Haus verlasse blicke ich hinein.
Ich schminke mich vor dem Spiegel, überdecke die rotfleckige Haut. Blass und ebenmäßig soll sie aussehen. Ziehe einen dicken, schwarzen Lidstrich, dramatisch und unter der Brille sichtbar. Tusche meine Wimpern, voluminös sollen sie wirken.
Zieh mich um vorm großen Schrankspiegel und kontrolliere, ob ich akzeptabel aussehe. Immer in schwarz natürlich.
Jedes Schaufenster in der Stadt lässt mich mein Spiegelbild erblicken, einmal von oben bis unten. Im Auto, zu Hause, in Geschäften, auf der Straße, auf Fotos, überall werde ich mit mir selbst konfrontiert.

Und es zerreißt mich.

Die Person, die ich da sehe. das bin niemals ICH.
Das ist eine fremde Frau.
Sie hat nichts mit dem zu tun, wie ICH wirklich aussehe. Vor meinem inneren Auge.
Ein vergangenes Spiegelbild.

Wenn ich darüber spreche, rede ich immer von der ‚inneren Tamara‚, die nichts mit der Fremden dort in den Schaufenstern gemein hat. Diese innere Tamara, die ist bei jedem Blick in den Spiegel den Tränen nah. Erschrickt jedes Mal. Fragt sich, wer das sein soll. SIE ist das nicht. ICH bin das nicht.

Die Person in mir drin allerdings, die mag ich sehr. Sehr sehr.
Schlank, lange Beine, hohe Wangenknochen, Kussmund, schöne Augen. Und nein, das ist kein Wunschtraum. Das ist die Realität. Das WAR die Realität. Alte Fotos bezeugen das, aber niemand der mich heute kennt würde mich auf ihnen wieder erkennen. Dabei ist das grade mal 10 Jahre her. Aber nichts ist mehr von diesem Erscheinungsbild übrig. In mir drin, vor meinem inneren Auge, allerdings, da seh ich noch genauso aus.
Und es gibt, fernab von den Oberflächlichkeiten, natürlich noch den Charakter. Ich, also das wahre ICH, ist hilfsbereit. ICH bin großzügig, mitfühlend und großherzig. ICH lache sehr viel, sehr laut, liebe es. Tausend Ideen schwirren mir durch den Kopf, alles möchte ICH umsetzen, eine tolle Aufgabe nach der anderen fliegt durch meine Gedanken und bereitet mir Freude.
ICH bin ebenso eifersüchtig, aufbrausend und sturköpfig, aber auch das mag ich eigentlich an mir 😉

Und dann kommen sie, diese Spiegel überall, mit der fremden Frau darin. die ich sein soll.
Doppelkinn, dicke Arme und Beine, ein Hintern, auf dem man Biergläser abstellen könnte und ein Bauch, der erst nach 6 Monaten zeigt, dass ein Kind in ihm wohnt.
Den ganzen Tag zwinge ich mich dazu, die Wahrheit zu begreifen. Dass ich jetzt eben so bin, die letzten Jahre haben das aus mir gemacht. Aber das kann ich nicht, das will ich nicht. So bin ich nicht, so wollte ich nie sein. Und gleichzeitig fehlt mir jedes Fünkchen Kraft, etwas dagegen zu tun.
Denn die Wahrheit ist auch, dass ich mich zu schwach, zu unfähig fühle und dazu übergegangen bin, Dinge einfach nicht zu tun, bevor ich an ihnen scheitere.
Wenn ich mich mit Menschen treffe versuche ich, meinen natürlichen Charakter, den ich eigentlich sehr mag, nach außen zu kehren. Denn eigentlich sollte es egal sein, wie ich aussehe, wenn meine Art positiv und nett ist. Am Ende des Tages bin ich mir aber immer sicher, dass ich mich völlig nicht wie ICH verhalten habe. Sondern nur wie die Fremde da im Spiegel. Verzerrt, falsch. Und mich wirklich niemand so mögen kann, denn ich mag mich ja selbst nicht.

Der Gedanke daran, dass ich irgendwie nicht mehr ICH sein kann ist wie ein leises, aber dauerhaftes Hintergrundrauschen in meinem Kopf. Es ist anstrengend so zu leben. Der Alltag (und vor allem Anderen das Lachen und Leben meines kleinen Krümelmädchens) übertönt mal mehr, mal weniger dieses Rauschen. Aber spätestens Abends, wenn alles still ist, höre ich es lauter denn je.
Ich weiß nicht, wie lange ich das das noch schaffe. Die Zeit verrinnt und mit jedem Tag haben meine ‚Ichs‘ weniger gemeinsam. Wann werde ich mich wohl endgültig verloren haben?
Ich wünschte ich hätte ein Happy End für dich. Hab ich nicht.

Nur eine Kleinigkeit: Meine Haare, die mag ich. Die sind in jeder Realität lila 😉

Drück mir die Daumen, dass ich meinen Weg und mich wieder finde.

                                                                                   deine Lila

Mein Spiegel,
Zeigt mir nich was ich sehen will,
Ich will jemand anders sein und
Meine ganze Welt zerbricht bald
In tausend kleine Teile,
Und niemand hier versteht mich,
Ich fühle mich so eklig,
Meine ganze Welt zerbricht bald
In tausend kleine Teile…

(Quelle: Tic Tac Toe, Spiegel)

 

2 thoughts on “Die Fremde im Spiegel

  1. Meine Liebe,
    ich danke Dir für diesen starken und mutigen Beitrag! ((( ))) Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du Dich wieder findest, dass Du Dich wieder wohl fühlst! Ich finde, Du bist eine wunderschöne und liebevolle Frau!
    Fühl Dich ganz herzlich umarmt.
    Liebe Grüße Tanja, die Murmelmama

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